Lebens(T)räume
JUNGE CELLINIS 2013

 

 

Esther J. Wildi

Goldschmiedemeisterin

Referat Kunst + Kultur

Zentralverbandes der Deutschen Goldschmiede, Silberschmiede und Juweliere e.V.

 

Einführung zur Preisverleihung des Internationalen Wettbewerbs "Junge Cellinis" 2013

14. April 2013 im LWL-Freilichtmuseum Hagen/NRW

 

 

 

 

Sehr geehrter Herr Doktor Henze,

sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Kamps,

sehr geehrter Herr Gebhard,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

vor allem aber liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Wettbewerbs, liebe junge Kolleginnen und Kollegen!

 

Auch ich freue mich, Sie zur Ehrung unserer Preisträgerinnen und Preisträger heute begrüßen zu dürfen. Es gab schon viele Prämierungsfeiern für unsere Jungen Cellinis, aber noch keine in einer solchen Umgebung wie heute. In diesem Jahr überreichen wir die Urkunden nicht auf einer gut ausgeleuchteten Fachmesse unserer Branche, sondern hier, im ganz speziellen Ambiente des LWL-Freilichtmuseums Hagen, einem bemerkenswerten und für das traditionelle Handwerk überaus bedeutsamen Museum.

 

Heute Morgen möchte ich nicht noch eine dieser Reden halten, die viel Negatives und Bedenkliches zum Ausdruck bringen, über die schlechte Konjunktur, den Kostendruck, die mangelhafte Bezahlung, den hohen Goldpreis, die vielen Überfälle auf Goldschmieden - und was an unangenehmen Problemen unsere Branche sonst noch bedrückt.

 

Das Thema unseres Wettbewerbs ging in eine vollkommen andere, eine sehr positive Richtung, es lautete

Lebens(T)räume,

 

eine Zusammensetzung aus den Wörtern  "LebensRäume" und "LebensTräume".

 

 

Untersucht man beide Begriffe näher, stellt man schnell fest, dass sie meistens in einer sehr engen Beziehung zueinander stehen.

 

Welche Arten von LebensRäumen gibt es eigentlich und wie unterscheiden sie sich?

 

Dem Begriff "LebensRaum" kann man im Deutschen in erstaunlich vielfältigen Zusammensetzungen begegnen. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn man auf die - zugegeben, etwas merkwürdige - Idee kommt, die Drucksachen des Bundestags nach diesem Thema zu durchforsten. Was war unter dieser Rubrik nicht schon alles Thema für unsere Volksvertreter! Eine kleine Auswahl:

Lebensraum-präferenz | Lebensraum-toleranz | Lebensraum-struktur | Lebensraum-eignung | Lebensraum-bewertung | Lebensraum-korridor | usw.

 

Das sind Begriffe, die mir am Werkbrett eher selten einfallen. Womit sich unser Bundestag so befassen muss!

 

Aber ich schweife ab.

 

Wie schon von vielen Philosophen vor mir festgestellt wurde, es ist vor allem der LebensRaum, der zu weiten Teilen das Bewusstsein, das Unterbewusstsein und damit natürlich auch den LebensTraum bestimmt.

 

Deutlich wird diese Aussage besonders dann, wenn Sie beispielsweise den LebensRaum eines großgewachsenen Elefanten mit dem LebensRaum einer Kopflaus vergleichen - oder, vielleicht noch etwas deutlicher, mit dem LebensRaum einer winzigen Mikrobe!

 

Überhaupt, Mikroben! Wussten Sie, dass allein die durchschnittlichen 2,2 Quadrat-Meter Hautfläche eines Menschen LebensRaum für weit mehr Mikroben bietet, als es Menschen auf der Erde gibt? Und da ist die Mikrobe der menschlichen Dummheit noch gar nicht eingerechnet, die der Verfasser vieler Komödien, Curt Goetz, schon vor ungefähr 100 Jahren vergeblich zu erforschen versucht hat...

 

Aber ich weiche ab.

 

Haben Mikroben in ihren LebensRäumen LebensTräume?

Das wäre doch mal ein Thema für eine wirklich interessante Doktorarbeit, die garantiert nicht aus Plagiaten bestehen würde…

 

Ich weiche schon wieder ab.

 

„LebensRaum“, bei diesem Begriff kommt Ihnen vielleicht die vierte Schulklasse in den Sinn, wo wir alle gemeinsam auf dem Schulausflug den „LebensRaum Wald“ ergründeten - und danach diesen dämlichen Aufsatz schreiben mussten…

 

Wie unterscheiden sich Tagesablauf und LebensRaum eines superfleissigen, supereifrigen und superschnellen Heinzelmännchens von dem eines Goldschmiede-Azubis? - Erraten! Überhaupt nicht...

 

LebensRaum Tiefsee, LebensRaum Streu-Obstwiese, LebensRaum Internet, LebensRaum Disco, LebensRaum Stadt, LebensRaum Freilichtmuseum!

Was für eine Inflation von LebensRäumen!

 

Was träumt eigentlich eine junge Goldschmiede-Auszubildende während einer langweiligen Berufsschulstunde? Vielleicht etwas in dieser Art:

 

Sie schafft eine Traumnote in der Gesellenprüfung und findet im Hause eines Traumdeuters ihren Traum-Mann mit makelloser Traumfigur, feiert eine Traumhochzeit, geht mit ihm im Traumkleid auf die Traumreise per Traumschiff zur Trauminsel, baut ihr Traumhaus, bekommt traumhaften Nachwuchs, findet ihren Traumjob in einer Traumgoldschmiede und - das hätte sich das verträumte Kind von einst bestimmt nicht träumen lassen, nicht im Traum wäre ihr das eingefallen - sie erringt einen Traumpreis im Nachwuchswettbewerb "Junge Cellinis" 2013 in der Traumstadt Hagen!!!

 

Entschuldigung, ich schweife ab.         

 

"Jugend träumt, Alter rechnet", soll man in Frankreich sagen. Danach muss ich noch ziemlich jung sein…

 

LebensTräume – ist es nicht einfach schön, zu Hause verträumt im gemütlichen, warmen, weichen LebensRaum Bett zu liegen und angenehme Träume vom Leben zu träumen, was man so alles machen könnte, wenn man denn aufstehen würde…

 

Hallo, aufwachen! Unseren aufgeweckten Wettbewerbsteilnehmern muss man das allerdings bestimmt nicht sagen: im Bett lassen sich LebensTräume weder finden noch verwirklichen - na gut, zugegeben, mit wenigen Ausnahmen…!

 

Und was passiert, werden Sie fragen, wenn sich so ein LebensTraum erfüllt hat? Was dann, wenn das erste Glück darüber verflogen ist? Kommt danach die lebenslange Langeweile?

 

Ganz falsch! Hier ist die gute Nachricht:

 

Wenn sich ein LebensTraum erfüllt, gebiert er vor seinem endgültigen Verglühen mit Sicherheit noch schnell seinen eigenen Nachfolger!

 

LebensTräume sind nämlich höchst aktive Selbstbefruchter, sie vermehren sich, so oft wir ihnen dazu Gelegenheit geben – ist das nicht wunderbar? Es stimmt zwar, Träume sind oft schöner als die Wirklichkeit - aber ebenso oft übertrifft doch die Wirklichkeit jeden Traum!

 

Liebe junge und ältere Kollegen, es hat uns viel Spaß gemacht, die interessanten und kreativen Wettbewerbsstücke zu begutachten. Auch dieser Wettbewerb hat wieder einmal bewiesen: unser besonderer, energetisch aufgeladener Goldschmiede-Nachwuchs hat beides, den Mut zum Träumen wie auch die Kraft zum Kämpfen - und darüber hinaus dann auch noch das Glück, den für uns Goldschmiede idealen Traum-LebensRaum, den LebensRaum „Werkstatt“ gefunden zu haben!

 

Liebe junge Kolleginnen und Kollegen, mit der Teilnahme an diesem Wettbewerb haben Sie einen weiteren Step nach vorn gemacht auf ihrem Weg in den Beruf, ganz gleichgültig, ob Sie zu den Preisträgern zählen oder diesem Kreis diesmal (noch) nicht angehören.

 

Bleiben Sie aktiv, lassen Sie sich nicht entmutigen, jagen Sie Ihren Träumen nach! Träumen Sie vor allem diese Art von Träumen, die nicht Schäume, sondern Ziele sind! Träumen Sie nicht Ihr Leben, seien Sie der kreative Architekt sowohl Ihrer LebensRäume als auch Ihrer LebensTräume! Wer seine Träume verwirklichen will, muss wach sein! Mit beiden Beinen fest in den Wolken!

 

Last but not least: Bitte nehmen Sie aus unserer heutigen Veranstaltung auch ein besonders positives Bild vom Zentralverband der Deutschen Gold- und Silberschmiede und von seinen Aktivitäten mit.

 

Und vor allem, Ihr Jungen, lasst uns Alte nicht mit den Alten allein! Sorgen Sie dafür, dass die Reihe der Jungen Cellinis auch in Zukunft nicht abreißt, wir freuen uns schon heute auf Ihre Mitgliedschaft bei uns.

 

Aber bevor ich wieder abschweife und Sie womöglich noch länger zappeln lasse: Kommen wir hier und jetzt in unserem heutigen  „LebensRaum“ zur Prämierung unseres Internationalen Wettbewerbs "Junge Cellinis 2013".

 

Ich danke Ihnen für Ihr geduldiges Zuhören.

 

Esther J. Wildi